würden wir unsere Fehler vermeiden (I)

Der heutige und der nächste Artikel sind Auszüge aus dem Buch des Professors Georgios Dertilis mit dem Titel „Sieben Kriege, vier Bürgerkriege, sieben Staatsbankrotte, 1821-2016“, zur nationalen Selbsterkenntnis:

Ereignisse einer zweihundertjährigen Geschichte, traumatische Erfahrungen, die wir in uns verdrängt haben; vergessene Staatsbankrotte mit dem Siegel der Unwissenheit und der Demagogie; Krisen, die uns der Not, den Irrtümern und der Lüge unterwarfen; verlustreiche Kriege; brudermörderische und verdrängte Bürgerkriege?

Ereignisse, die wir dem Vergessen überantwortet haben, um dem Entsetzen und den Schuldgefühlen zu entkommen, obwohl die einzige Katharsis die Erinnerung und ihre Erkenntnis wäre. Öffnen wir unsere Augen und unsere Seele der Geschichte, die das Vergessen vertreibt und die Wahrheit bringt.

Von 1821 bis heute war Griechenland in vier Bürgerkriege und sieben äußere Kriege verwickelt. In diesen zwei Jahrhunderten ging der griechische Staat siebenmal „bankrott“, versank in entsprechenden Krisen und lebte fast ununterbrochen unter internationaler wirtschaftlicher Kontrolle. Solche aufeinanderfolgenden Erfahrungen können die Psyche und die Mentalität einer ganzen Gesellschaft tief prägen. Um das zu verstehen, genügt ein einfacher Gedanke. In der Geschichte des neueren Griechenlands gab es nie Griechen oder Griechinnen, die nicht mindestens einmal in ihrem Leben das Grauen oder zumindest die Bedrohung und Angst des Krieges erlebt hätten; es gab nie Griechen oder Griechinnen, die nicht die tiefe Unsicherheit wirtschaftlicher Krisen empfunden hätten.

Nach der Kleinasiatischen Katastrophe wurden die sechs Verantwortlichen vor ein außerordentliches Gericht gestellt, das sie vor das Erschießungskommando schickte. Auch das war ein Fehler. Die seriöse Presse in aller Welt bezeichnete die gerichtliche Entscheidung als rechtlich haltlos, leidenschaftlich voreingenommen und offenkundig ungerecht, die Strafe als barbarisch.

Ein Bürgerkrieg, ein Krieg der vollständigen Vernichtung unseres Nächsten, setzt gegenseitigen Abscheu voraus und nährt grenzenlosen Hass. Der Abscheu verwandelt unseren Nächsten in einen leblosen und widerwärtigen Gegenstand; und der Hass verlangt seine Zerstörung.

Das beherrscht das Denken der Kämpfer eines Bürgerkriegs, und zwar in einem solchen Maß, dass es schließlich Lebensweise und Mentalität wird. Und weil ein Bürgerkrieg das ganze Land entzwei reißt, das Land, die Städte und Viertel, Familien und Freundschaften, ist er eine erbliche Pandemie. Wer den Hass erlebt hat, überträgt ihn auf seine Nachkommen. Die Zeit wird diese Mentalität schmieden und sie von Generation zu Generation in Kultur verwandeln.

Die bürgerkriegliche Demagogie führt zu einer Diktatur mit zerrissenem Mantel des Pseudoparlamentarismus. Ein schweres Wort, aber kein ungerechtes. Sind die Dummheiten und Lügen der „Vertreter des Volkes“, die über die Bildschirme ziehen, etwa bedeutungslos? Sind die Scheingefechte und gegenseitigen Anschuldigungen, die zerrissenen Memoranden, die elastischen Gewissen und die nicht vorhandenen oder falschen Vermögenserklärungen etwa zufällig?

Und vergessen wir nicht die expansionistischen Bestrebungen der Türkei, denn nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und der Emanzipation der Balkanländer betrifft die „Orientalische Frage“ unserer Zeit vor allem den geopolitischen und geoökonomischen Raum, der durch Energiequellen und ihre Transportwege bestimmt wird.

Vergessen wir außerdem nicht, dass Krieg nicht so sehr eine Angelegenheit von Waffen wie von wirtschaftlichen Mitteln ist. Finden wir also zuerst diese Mittel und lassen wir uns nicht vorschnell von den Worten der Verbündeten mitreißen. Denn ich fürchte unsere eigenen Fehler mehr als die Pläne der Feinde (Thukydides).

Zusammenfassend: Wenn die griechischen Bürger die Fehler gekannt hätten, die zu den ersten sechs Staatsbankrotten unserer Geschichte führten, hätten wir den siebten vermieden. Wenn die griechischen Politiker die Fehler gekannt hätten, die zu den Bürgerkriegen unserer Geschichte führten, hätten sie ihre bürgerkrieglichen Demagogien verworfen.

Wenn wir aus der Geschichte etwas lernen können, vermeiden wir in Zukunft vielleicht einige der Fehler der Vergangenheit. Die Kenntnis der Geschichte führt zur Selbsterkenntnis und zur Einsicht. Von dort zur Tat ist der Weg der Demokratie offen. Von uns Bürgern hängt es ab, ob wir endlich aus dem Strudel der Fehler herauskommen, ob wir die Kräfte bremsen, die ihn antreiben (Fortsetzung folgt).

Pavlos Marantosmarantosp@gmail.com