Vom Profitkapitalismus

zum Wertekapitalismus

Die Zeit der industriellen Revolution und der brutalen Ausbeutung der Arbeitnehmer ist vorbei. Außerdem ist der Kapitalismus mit seinen Widersprüchen entgegen den Wünschen der Kommunisten nicht nur nicht zusammengebrochen, sondern das Gegenteil ist eingetreten. Der Sozialismus, ob real oder irreal, brach über Nacht wie ein Kartenhaus zusammen, während der Kapitalismus triumphiert.

Der Kapitalismus hat sich im Lauf der Zeit entwickelt. Vom individuellen Kapitalismus gingen wir zum Aktionärskapitalismus und danach zum Kapitalismus der „unternehmerischen gesellschaftlichen Verantwortung“ über. Die Anpassungsfähigkeit und Effizienz des Kapitalismus ist aufgrund der Technologie beispiellos. Aber auch die fortlaufende Entwicklung der Technologie ist eine kapitalistische Leistung.

All das bedeutet nicht, dass der Kapitalismus heilig geworden wäre. Es bedeutet, dass seine ständige Anpassung und seine Effizienz ihn widerstandsfähig und konkurrenzlos gemacht haben. So wurde der Proletarier mit Brot satt. Mit Brot, aber nicht mit Kuchen.

Gewiss: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ Der Mensch will auch Schauspiele. Auch diese bietet der Kapitalismus. Jeder kann auf dem Sofa zu Hause mit einem „Klick“ auf dem Fernseher Kino, Musik, Konzerte, Kunstwerke und anderes genießen. Und all das fast kostenlos oder mit einem geringen Abonnement.

Russland marschierte in die Ukraine ein, im Glauben an das Recht des Stärkeren. Dieses zynische Verhalten zwang Völker und Regierungen zu einer beispiellosen Solidarität mit der schwächeren Ukraine. Und das ist ein Sieg des Rechts über die Macht. Gewiss reagierten die Regierungen in erster Linie nach nationalen und geopolitischen Kriterien und im Sinne ihrer Interessen. Die Reaktion wäre aber nicht wirksam gewesen, wenn sie nicht Werte verteidigt hätten.

Viele Länder verhängten Sanktionen gegen Russland, um es zum Ende des Krieges zu zwingen. Sanktionen, die auch den Völkern dieser Länder wehtun werden. Außerdem kündigten viele kapitalistische Unternehmen entweder ihren Rückzug aus Russland oder die Einstellung ihrer Arbeit dort an. All diese kapitalistischen Unternehmen handelten gegen ihre Interessen. Sie handelten auf der Grundlage bestimmter Werte wie Recht, Freiheit und Solidarität. Sie mögen wirtschaftlich verloren haben, aber auf der Ebene der Werte haben sie gewonnen.

Nebenbei: Weil es Teuerung gibt, braucht es kein Wehklagen. Wir halten aus. Einen Kampf für Werte ohne Kosten gibt es nicht.

Es scheint also, dass kapitalistische Unternehmen in die postmaterielle Zeit eingetreten sind. Sie haben Werte in ihr Handeln aufgenommen. Immer mehr Unternehmen handeln auf der Grundlage der „unternehmerischen gesellschaftlichen Verantwortung“. Immer mehr Unternehmen wenden Kriterien für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) an. Daher kann man von einem Kapitalismus der Werte sprechen.

Gewiss gibt es kleine und große Unternehmen, die nur auf Gewinn achten und Regeln des Rechts und der Moral verletzen. Dasselbe tun auch Menschen. Schließlich werden Unternehmen von Menschen geleitet.

All das bedeutet, dass sich der Kapitalismus an die Botschaften der Zeit anpasst. Kapitalistische Unternehmen handeln in der Gesellschaft, profitieren von der Gesellschaft und müssen einen Teil ihrer Gewinne an die Gesellschaft zurückgeben. Und genau das tun viele Unternehmen.

Gewiss gibt es eine ungleiche Verteilung des Reichtums, weltweit und in jedem einzelnen Land. Im Rahmen jedes Landes entscheidet die Regierung durch Besteuerung und anderes über eine gerechtere Verteilung des Nationaleinkommens. Aufgabe jedes Unternehmens ist die Produktion von Reichtum. Aufgabe der Regierung ist die gerechtere Verteilung des Reichtums.

In dieser Frage besteht ein Unterschied zwischen Rechts und Links. Die Rechte sagt: Erst produzieren wir und dann verteilen wir. Die Linke sagt: Erst verteilen wir und dann produzieren wir. Anders gesagt: Die Rechte geht davon aus, dass Freiheit mehr Gleichheit und Wohlstand bringen kann. Tatsächlich geschah dies in allen liberalen Demokratien mit kapitalistischem System. Die Linke hingegen meint, Gleichheit werde mehr Freiheit und Wohlstand bringen. Doch wo dies angewandt wurde, in den ehemaligen sozialistischen Ländern, brachte Gleichheit größere Ungleichheit und Armut für die vielen sowie Reichtum für die parteiliche Nomenklatura.

Abschließend: Trotz unseres Murrens stehen wir besser da als in jeder anderen Periode der Menschheitsgeschichte, was Freiheit, Gleichheit, Solidarität und menschliche Gefühle betrifft. So setzen wir die Förderung der Menschlichkeit des Menschen fort.

Frohe Auferstehung!

Pavlos Marantos

marantosp@gmail.com