Archivhinweis: Dieser Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird sorgfaeltig fuer eine historische und informierende Lektuere bewahrt.
Die Kunst der byzantinischen Ikonenmalerei folgt Gesetzen und Regeln.
Der Ikonenmaler bildet nicht die natuerliche Erscheinung der Dinge ab, sondern ihre geistliche Gestalt. Es gibt jedoch Darstellungen, die ueber die Grenzen der Unterscheidung hinausgehen und eine Uebertreibung erreichen, die symbolische und allegorische Bedeutung haben kann. Ein solcher Fall ist die Darstellung des heiligen Christophorus.
Der Heilige erscheint in zwei Varianten. In der ersten traegt er einen Hundekopf; in der zweiten wird er mit schoenem Gesicht dargestellt, wie er den Christus als Kind auf seinen Schultern ueber den Fluss traegt.
Die hundegesichtige Variante des Heiligen ist eines der wichtigsten Beispiele fuer Uebersteigerung in der byzantinischen Ikonenmalerei.
Eine Deutung dieser hundegesichtigen Gestalt sieht darin eine Darstellung der Vergangenheit des Heiligen, bevor er die Lehre Christi kennenlernte. Die schoene Variante stellt dagegen sein Leben in Christus und seine erneuerte Existenz dar.
Das Bild des hundegesichtigen Heiligen kann auch zeigen, dass Missgestalt und Haesslichkeit nicht immer mit dem Boesen gleichzusetzen sind, ebenso wenig wie Schoenheit immer mit dem Guten identisch ist, wie es in der westlichen Kunst oft geschieht.
Heiliger Christophorus mit Hundekopf, Kirche der Heiligen Anargyroi in Androni, Elis, 8. Jahrhundert.
Der heilige Christophorus war sehr haesslich und wird von seinen Biografen als hundekoepfig beschrieben. Er besass grosse koerperliche Kraft und stammte aus einem Land von Menschenfressern, vom Stamm der Marmariten in Nordafrika oder aus dem Geschlecht der Hundekoepfigen. Von hundekoepfigen Menschen berichten Herodot und Hesiod; eine aehnliche Legende gab es auch in Asien, da sie in chinesischen Texten des sechsten Jahrhunderts vorkommt. Die Erzaehlungen ueber hundekoepfige Menschen gehen wohl auf die begrenzten Kenntnisse ueber Asien zurueck. Auch Strabon, Aischylos und spaeter Claudius Ptolemaeus erwaehnen sie. Sogar vom Heer Alexanders des Grossen heisst es, es habe hundekoepfige Soldaten umfasst.
Heiliger Christophorus mit Hundekopf, Byzantinisches und Christliches Museum, 1685.
Die Verwendung tiergestaltiger Merkmale erscheint nicht zum ersten Mal in der byzantinischen Kunst, sondern folgt offenbar Darstellungen des aegyptischen Gottes Anubis. Auch aeltere Darstellungen aus vielen Teilen der Welt, tausende Jahre alt, zeigen hundekoepfige Gestalten. Dieses ikonografische Element blieb in der byzantinischen Malerei noch lange nach dem Quinisexten Konzil in Gebrauch, obwohl Allegorie und Symbolik damals als Elemente galten, die aus der byzantinischen Kunst entfernt und durch Darstellungen ersetzt werden sollten, die unmittelbar zeigen, was sie bedeuten, und so ihren Sinn offenlegen. Mit den Jahren wurde die Variante des hundekoepfigen Heiligen zurueckgedraengt, und seit dem 14. Jahrhundert setzte sich die Version des schoenen Heiligen durch, der Christus auf der Schulter traegt.
Heiliger Christophorus, Kloster Stavronikita, Athos, 1546.
Die offizielle orthodoxe Kirche hat das Bild des Heiligen in menschlicher Gestalt angenommen. Auf dieser Ikone verweist der kleine Christus, den er auf den Schultern traegt, auf eine andere Variante seiner Vita. Danach wollte der heilige Christophorus, weil er riesenhaft gross war, seine gewaltigen Kraefte in den Dienst Christi stellen. Ein Einsiedler riet ihm, zu einem reissenden Fluss zu gehen und den Menschen zu helfen, die ans andere Ufer gelangen wollten. "Was du den schwachen Menschen tust", sagte er, "ist, als taetest du es dem allmaechtigen Christus." So trug der heilige Christophorus bereitwillig die Voruebergehenden hinueber.
Eines Nachts bat ihn ein kleines Kind, ihm ueber den Fluss zu helfen. Er nahm es gern auf die Schultern und betrat die reissenden Wasser. In der Mitte des Weges wurden seine Schultern schwer, und mit jeder Stunde wurde das Kind immer schwerer. Als er schliesslich das andere Ufer erreichte, fragte er, warum es so schwer gewesen sei. Das Kind antwortete: "Weil ich der bin, der die Welt traegt, der Koenig, dem du dienen wolltest. Weil du mich heute getragen hast, wirst du von nun an Christophorus heissen."
Die Ueberlieferung sagt, er habe zur Zeit des roemischen Kaisers Decius gelebt und das Martyrium erlitten. Sein Gedenken wird in der orthodoxen Kirche am 9. Mai und in der katholischen Kirche am 25. Juli begangen.
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