Archivhinweis: Der Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird sorgfaeltig fuer eine historische und informative Lektuere erhalten.
Der 24. November 2002 ist angebrochen. Im Zimmer 20 des Krankenhauses Elpis zaehlt die Mutter des Autors die letzten Stunden ihres Lebens. Sie liegt intubiert neben ihm, die Augen geschlossen, der Atem langsam und schwer. Die Stille, der reglose Koerper und die Einsamkeit des Krankenzimmers kuendigen die einzige Gewissheit an: den Tod.
Vor dem inneren Blick des Sohnes zieht das Leben der Mutter Ifigeneia vorueber. Er sieht das magere Maedchen barfuss in den Gassen, die junge Schuelerin, die statt Bildung fuer die Ziege der Lehrerin Gruenzeug sammeln muss, die Jugendliche, die auf den Hoehen der Mani Vieh traenkt und melkt, und die starke junge Frau, die mit beinahe maennlicher Kraft Arbeit, Armut und Steinlandschaft bewaeltigt.
Er erinnert an ihre Hochzeit im Jahr 1940, kurz vor Krieg, Hunger und Leid; an Besatzung und Buergerkrieg; an eine Frau, die Gewalt, Vertreibung und Verfolgung standhaelt, mit einem Saeugling im Arm vor Schlaegern steht und dennoch die Worte der Vergebung murmelt. Sie ueberlebt, weil sie sich an Leben, Arbeit, Liebe und Gerechtigkeit klammert.
Im Krankenhaus sind aerztliche Routine und menschliche Wuerde scharf gegeneinandergestellt. Der unnahbare Klinikdirektor geht kalt vorbei, waehrend ein einfacher Arzt sich mit seltener Menschlichkeit um die Sterbende kuemmert. Der Sohn braucht keine Belehrung mehr; er achtet den Entschluss der Mutter, loszulassen, haelt ihre Hand, befeuchtet ihre Lippen und spricht zu ihr.
Die Erinnerungen weiten sich zu einer Lebensbilanz. Ifigeneia war Ehefrau, Mutter, Grossmutter, Arbeiterin, Saengerin, Trauernde, Gastgeberin und eine Frau, die allen zu essen gab, immer eine Entschuldigung und ein gutes Wort fand und ihre Kinder und Enkel als erste Sorge ihres Lebens trug. Sie glaubte an den Gott der wahren Liebe und der Vergebung, ohne Pose und ohne Pharisaeertum.
Am Abend kehrt der Sohn ins Krankenhaus zurueck. Der Atem der Mutter ist stossweise, ihr Puls verlischt wie die Flamme einer Lampe, der das Oel ausgeht. Er sieht ihre Seele wie eine Schwalbe aufsteigen und zu einem Seevogel im unbekannten Himmel werden. Der gute Arzt bestaetigt mit ernster Wuerde ihren Tod.
Der Schmerz ist schwer, aber die Angst ist gewichen. Wer ohne Furcht vor dem Tod steht, sieht Menschen und Dinge anders: kleiner, ferner, weniger wichtig. In der Vision des Autors sitzt die Mutter bereits auf der Hoehe des Taygetos neben dem Propheten Elias und reist bescheiden durch den Himmel. Am 24. November 2002 um 22 Uhr laesst die Mutter, Ifigeneia, im Zimmer 20 des Krankenhauses Elpis ihren letzten Atemzug. Es ging ein seltener Mensch, eine wahre Christin, die wahre Mutter.
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