Archivhinweis: Dieser Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird sorgfaeltig fuer eine historische und informierende Lektuere bewahrt.
Es war 2004, als der Tsunami ploetzlich Indochina ueberflutete. Wenige Jahre, bevor die "Krise" ausbrach. Waehrend andere starben, feierten wir mit geliehenem Geld.
Damals entstanden einige Gedanken, die auch heute, mitten in Krise und wirtschaftlicher Not, Gueltigkeit behalten. Damals dachte ich, in diesem Jahr seien Christus und der Tsunami zusammen geboren worden: Christus wie jedes Jahr in der traditionellen Krippe, der Tsunami unerwartet im armen Indochina. Die Zahl der Toten war unbekannt. Wo Armut ist, folgt ihr oft ihr Schicksal.
Die Ertrunkenen glaubten auch an andere Goetter. Ungluecklicherweise feierte Christus Geburtstag, und die anderen Goetter waren, wie sich zeigte, in den Ferien. Und doch ertranken so viele Menschen in so kurzer Zeit. Alle, die verloren gingen oder verletzt wurden, beteten in Tempeln, brachten Gaben fuer anspruchsvolle Goetter dar, die trotz Bitten und Gebeten nicht bei dir sind, wenn du sie suchst. Die Hoffnung stirbt immer zuletzt.
Tragische Ironie und Provokation ist, dass Tiere und urspruengliche Staemme die toedliche Flut ueberlebten, weil sie rechtzeitig auf die Schwingungen der Erde hoerten. Sie retteten sich ohne Warnsysteme, mit Wissen und Vertrauen in die Ueberlieferung. Sie ueberlebten dank ihres seltenen Selbsterhaltungstriebs, indem sie Hunden und Elefanten folgten.
Leider bringt nicht einmal ein Tsunami die Maechtigen, Haendler und Priester ins Schwitzen. Sie wollen uns Weihnachten unbedingt als Fest der Liebe aufzwingen, uns Irak, Bush und die Dritte Welt vergessen lassen und uns alle gluecklich und froh sehen. Wir sollen zu Reveillons gehen, was fuer ein Wort, mit Plastikgeld einkaufen, mit Festtagskrediten, bis zum Platzen essen und trinken, danach bei Bodyline mit Kreditkarte fuer das Abnehmen zahlen, damit wir wieder zunehmen koennen. Ein Akkordeon-System, also ein Teufelskreis.
Die Frage ist aber, wie man dem "Tsunami" der Gleichgueltigkeit, der Masslosigkeit und des Ueberkonsums entkommt. Koennen wir uns etwa ausserhalb der Entwicklung und der "Zivilisation" stellen, die am Ende den Planeten vernichten werden? Koennen wir widerstehen, und wie?
Wer kann an Weihnachten noch mit Bohnen Karten spielen, Papadiamantis lesen, im Nebel den Anstieg hinaufgehen, um sich mit Freunden zu treffen, mit ihnen Wein zu trinken und Kaese, Oliven und Ofenkartoffeln zu essen? Wer kann noch "Heute gebiert die Jungfrau den Ueberwesentlichen" singen? Dann koennte man vielleicht verstehen, warum Christus geboren wurde, was er tun wuerde, wenn er heute kaeme, was der Tsunami ist oder ob, wie es heisst, das Ufer schief ist oder wir schief segeln.
Seit ich barfuss in den Gassen meines Dorfes Weihnachtslieder sang und gelochte Zehn-Drachmen-Stuecke sammelte, ist viel Wasser die Fluesse hinuntergeflossen. Dennoch kann und will ich jene Jahre mit Ruehrung und Liebe erinnern: Jahre, in denen ich mit einem Lalanghi, einem Pfannkuchen, in der Hand und Glaskugeln in der Tasche, vermischt mit Kleingeld, zum Schulplatz hinunterging, um mit den anderen Kindern bis zur Daemmerung auf der feuchten Erde zu spielen. Danach sass ich auf einem niedrigen Hocker neben der Feuerstelle mit den brennenden Holzscheiten, waermte Fuesse und Haende, bis Frostbeulen kamen, und ass mit Appetit angekohltes Brot mit salzigem Kaese aus dem Schlauch.
Ich hoerte Geschichten und Scherze der Erwachsenen, waehrend ich "Koenig" oder "Nimm alles" spielte. Dann schlugen die Glocken und riefen uns zur Kirche, damit wir "Deine Geburt, Christus, unser Gott, liess der Welt das Licht der Erkenntnis aufgehen" hoerten. Die Kirche meines Dorfes, aus Marmor gemeisselt, eindrucksvoll, mit hohen steinernen Saeulen und byzantinischen Kuppeln, lud zu metaphysischen Fluchten und Wanderungen ein, weit weg von einem strengen Gott und Heiligen, die niemals laecheln. Das schwache, zitternde Licht der Kerzen beleuchtete das Kircheninnere und die Gestalten der Glaeubigen, die sich staendig ausdehnten und zusammenzogen und Figuren wie aus Bildern El Grecos formten.
Der Priester war munter und goldbestickt, die Psaltsaenger asketisch und wortreich. Troparien und Apolytikien wechselten einander monoton und melodisch ab. Ich erinnere mich, dass ich hungrig war, weil ich fastete. Trotzdem machte ich Metanien unter dem wachsamen Blick meiner Grossmutter und wartete sehnsuechtig auf das Ende der Liturgie. Zu Hause ass ich die warme Speise, die meine Mutter auf dem niedrigen Tisch servierte. Spaeter, als "Grundschulabsolvent", kleidete ich mich als Ministrant, was fuer eine Auszeichnung. Damals ass ich heimlich Prosphora vor der Proskomidie, waehrend der Priester vor der Koeniglichen Tuer das Evangelium nach Matthaeus las.
Die heutigen Weihnachten mit statistisch kontrollierten Tischen, etwa "dieses Jahr wird der Weihnachtstisch um 10 % teurer", sind sinnlos und standardisiert. Sie machen mich nur melancholisch und zwingen mich, mich zu verstecken oder zu fliehen, bis der froehliche, festliche "Tsunami" abgeklungen ist, der zusaetzliche Kilos, hoehere Kreditkartenraten und leere, klagende Seelen zuruecklaesst.
Damals aber war der Tsunami weit weg, in Indochina.
Comments
Share your thoughts about this article.
No comments yet. Be the first to comment.
Submit a comment