Archivhinweis: Der Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird sorgfaeltig fuer eine historische und informative Lektuere erhalten.

Bei den Wahlen vom 6. Mai 2012 ueberschritten sieben Parteien die Drei-Prozent-Grenze: Nea Dimokratia mit 19,6 % und 108 Abgeordneten, Syriza mit 16,4 % und 52 Abgeordneten, PASOK mit 13,5 % und 41 Abgeordneten, die Unabhaengigen Griechen mit 10,5 % und 33 Abgeordneten, KKE mit 8,4 % und 26 Abgeordneten, Chrysi Avgi mit 6,9 % und 21 Abgeordneten sowie Dimokratiki Aristera mit 6,0 % und 19 Abgeordneten. Diese Parteien sollten das neue Parlament bilden; nur durch eine politisch kaum erwartbare Zusammenarbeit haette sich eine Regierung mit parlamentarischem Vertrauen bilden koennen.

Politische Kommentatoren sahen in diesem Ergebnis das Ende der Metapolitefsi, also der seit 1974 bestehenden politischen Ordnung. Die grossen Parteien Nea Dimokratia und PASOK wurden abgestraft, waehrend der Aufstieg von Syriza zur zweitstaerksten Kraft und der Einzug des nationalsozialistisch ausgerichteten Laikos Syndesmos - Chrysi Avgi in das Parlament als einschneidende Entwicklungen erschienen. Die Analyse des Archivtexts verbindet diese Veraenderungen mit Enttaeuschung, Zorn, Lohn- und Rentenkuerzungen, Arbeitslosigkeit und den zwei mit auslaendischen Glaeubigern unterzeichneten Memoranden.

Der Autor bewertet die neuen wie die alten Parteien kritisch. Er wirft ihnen vor, ihre widerspruechlichen Versprechen nicht einloesen zu koennen und keine tragfaehige Regierungsbildung zustande zu bringen. Die Wahlentscheidung wird als Ergebnis von Demagogie, fehlender Bildung und politischer Verblendung gedeutet. Auch die neu gewaehlten Abgeordneten erscheinen aus dieser Sicht nicht als Erneuerung, sondern vielfach als bekannte Personen aus alten Parteiapparaten, Fernsehdebatten und ideologischen Randmilieus.

Besonders scharf ist die Kritik an Symbolen, Parolen und politischen Reflexen der Extreme. Die Unterscheidung zwischen rechts und links werde durch die unversoehnliche Spaltung zwischen Memorandumsbefuerwortern und Memorandumsgegnern ersetzt, ohne dass sich die politische Kultur wirklich aendere. Der Text endet mit der Befuerchtung neuer Wahlen, fortdauernden Chaos und weiterer gesellschaftlicher Dekadenz, fuer die der Autor nicht nur die politischen Fuehrer, sondern auch die Waehler selbst verantwortlich macht.

Emmanouil Papadakis