Archivvermerk: Der Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird mit Sorgfalt fuer eine historische und informative Lektuere bewahrt.
Die Ehe wird dogmatisch als Sakrament bezeichnet, so die theologische Sicht, und vor dem zustaendigen oertlichen Priester mit Verguetung, Abzuegen zugunsten Dritter, etwa der Dioezese, und ohne Mehrwertsteuer eingesegnet. Zugleich wird die Ehe vor einem gewaehlten oertlichen Amtstraeger, dem Buergermeister, mit Stempel und Siegeln amtlich gemacht, wie jeder Handelsvertrag, so die staatliche Sicht.
Niemand entkommt diesem Machtpaar. Wenn du in einer Taverne oder in einem Cafe heiratest, bist du fuer die Kirche verflucht und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, fuer den Staat aber rechtswidrig. Vorne der Abgrund, hinten der Strom. Man hat also schon in der Umkleide verloren. Eine mittlere Loesung gibt es: Ich bleibe still sitzen.
"Die Ehe ist die Verbindung von Mann und Frau und die Gemeinschaft des gesamten Lebens, eine Gemeinschaft goettlichen und menschlichen Rechts." Das ist die rechtsgesellschaftliche Sicht, die auf Herennius Modestinus zurueckgefuehrt wird.
Nach der herrschenden Auffassung bleibt die Ehe zugleich Verbindung und Sakrament, das sich meistens in Martyrium verwandelt. Dazu gibt es eine ueberaus reiche Rechtsprechung. Meistens wenden wir uns ihr erst nach der Ehe zu. Dann ist das Uebel bereits geschehen. Fehler werden bezahlt. "Wusstest du es nicht, haettest du nicht fragen sollen?", murmelt die Welt.
Was zwei Menschen, die waehrend ihrer freien Beziehung einander liebten, dazu bringt, sich in zwei Gegner zu verwandeln, die entweder die Herrschaft des einen ueber den anderen, das Vermoegen des anderen oder die Kinder beanspruchen, die beide geschaffen haben, bleibt eine unbeantwortete Frage. Manchmal tritt die Bestialitaet der Menschen so stark hervor, dass sie sogar zum Lebenszweck des einen oder des anderen wird; er will den anderen ausloeschen, niederwalzen, zerstoeren: homo homini lupus.
Die Ehe ist als notwendiges Uebel bezeichnet worden. Vielleicht ist sie das. Besser, etwas zu bereuen, das man getan hat, als etwas, das man nicht getan hat, behaupten und verbreiten die Verheirateten, und ich stimme ihnen zu, wenn sie die Unverheirateten necken, die zugegebenermassen vorbildliche Nachsicht zeigen und fast gleichgueltig pfeifen, die "Hagestolze".
Der Tanz geht weiter. Das weise Volk vergleicht die Ehe im Winter mit einem Los und im Sommer mit einer Wassermelone. Im Fall des Scheiterns, das die Regel ist, sagt man: Die Melone war schlecht. Nach ernsthaften Untersuchungen sind statistisch von 100 Ehen 45 Prozent geschieden, 40 Prozent koennen sich nicht scheiden lassen, und nur 15 Prozent gelten als erfolgreiche Ehen. Es sei ihnen geguennt.
Wesentlich ist, dass nach den Behauptungen der Unverheirateten die Verheirateten verschiedene Probleme des Zusammenlebens haben, die sie nicht haetten, wenn sie unverheiratet waeren. Warum heiraten sie dann? Suchen wir nicht weiter. Ein Teufelskreis. Eine freie Auslegung, die sich auf die Evolutionstheorie Darwins stuetzt, lautet, dass wir nachahmen. Wenn alle heiraten, soll ich dann die Ausnahme sein? Auch das "Regal", das den Alleinstehenden droht, spielt seine Rolle, als saessen die Verheirateten direkt am besten Tisch vor der Buehne.
Es gibt auch gegenteilige Annaeherungen. Verliebtheit, Liebe, Partnerschaft, Steigerung der Geburten und so weiter, bis alles rosafarben wird. Hat sich die Ehe am Ende in eine oberflaechliche Suche nach wirtschaftlichen Interessen im Allgemeinen oder nach gesellschaftlichen Gegenleistungen verwandelt? Unabhaengig von all dem ist die Krise, die die Ehe heute durchlaeuft, angesichts der gesellschaftlichen und politischen Versumpfung, die alles nach unten zieht, nicht umkehrbar.
Jedenfalls braucht es Tugend und Mut, ein freier Mensch zu sein, ohne Komplexe, mit grossem Herzen und offenen Ohren und Augen.
Die Kirche und der Staat verwenden die Ehe jedoch als beschraenkende Bedingung, als Einzaeunung des freien Individuums. Die Verurteilung, sobald jemand die Stufen der Kirche oder des Rathauses hinaufsteigt, ist sicher und einstimmig. Die Strafe war frueher lebenslang. Heute gibt es "quasi-rechtsbehelfsartige" Rechtsmittel, die Scheidung, die die Vollstreckung der Strafe bis zur Schliessung einer zweiten Ehe aussetzen. Machen wir uns nichts vor: Das sogenannte starke Geschlecht, die verwoehnten kleinen Jungen, ist nicht so stark, wie es scheint und glaubt. Es wird immer seine Mutter suchen, gut oder schlecht. Wenn es sie wider Erwarten findet, dann "gewinnt es eine goldene Uhr", denn vielleicht war es die Muehe gar nicht wert.
Leider hat man uns grossgezogen und gelehrt, mit vielen Mythen um die Ehe zu leben, etwa mit dem Mythos der Blutsverwandtschaft, der Mutterschaft, der Vaterschaft und so weiter. Bedenken wir aber, wie viele Geschwister sich aus rohem Interesse wegen Dingen von geringem Wert gegenseitig vernichtet haben, etwa wegen eines Stueckchens Land oder wegen eines Einzimmerapartments mit Fenster zum Lichtschacht.
Klassische Symbolik sind Kain und Abel. Es folgt das Hauptgericht mit den Linsen, die der listige Jakob seinem Bruder und Kameraden Esau auftrug, als "gleichwertige Gegenleistung" fuer das Erstgeburtsrecht. Mit einem Teller Linsen nahm er also alles und ging. Die Vereinbarung wurde jedoch nach Wiederaufnahme durch die hoechste Kassationsversammlung als nichtig wegen Missbrauchs beurteilt. Begruendet wurde dies damit, dass Jakob offenkundig und mit unmittelbarem Vorsatz die Einfalt, Unerfahrenheit und vor allem den HUNGER seines Bruders ausgenutzt hatte. In einem Verweis auf das handschriftliche Urteil wurde angemerkt, dass Blut nicht zu Wasser wird.
Ich meine, niemand hat mit uns gesprochen und uns richtig, sauber und verantwortlich gesagt, dass die Beziehungen, die aus der Ehe folgen, also Verwandtschaft, Vaterschaft, Mutterschaft und dergleichen, nicht gegeben und selbstverstaendlich sind. Sie muessen jederzeit bewiesen und bei jeder Gelegenheit bestaetigt werden. Es bedeutet nicht zwingend, dass du, weil du mich geboren hast, auch ein guter Elternteil bist. Ich ertrage es nicht, ein Leben lang mit "deiner Liebe" gefoltert zu werden. So oder so waehlen wir weder unsere Eltern noch unsere Geschwister. Als Sicherung bleibt der Satz: "Ein schaedlicher Freund wird Feind genannt". Es braucht Tugend, Mut und vor allem Opfer, damit eine ausgewogene, freie Beziehung zwischen Verwandten jeden Grades wie Marmor herausgemeisselt wird, mit wirklicher Liebe und gegenseitiger Achtung als Fundament. Diese Achtung wird, kurz gesagt, nicht auferlegt, sie wird VERDIENT. Etwaige Einwendungen werden milde als verschleppend und vor allem als unzulaessig verworfen.
Ich wage dennoch, aus Erfahrung einen Vorschlag zu machen.
Wenn Kinder 20 Jahre alt werden, sollten sie ihre Eltern symbolisch "toeten". Es ist besser, dass sie ihr Leben und ihre Kindheitstraumata allein und "fern" von den Eltern bewaeltigen. Ohne die unbedachte Machtdemonstration, das gesteigerte Eigentumsgefuehl, die schaedliche Ueberbehutung und die herzzerreissenden moralischen Erpressungen ihrer Eltern, "du hast mich umgebracht, du wirst mich noch umbringen, ich sterbe", die die normale Entwicklung untergraben und die Reife verzoegern oder endgueltig aufheben. Ich verabscheue diesen zwecklosen Kreislauf, der Muttersöhnchen, Unselbstaendige und kuenftige Muetter des life style produziert, anders gesagt des "draussen regnet es" und gruen lackierte Naegel, die violette Haare kratzen. "Mach es selbst, werde Handwerker."
Vergessen wir nicht, dass die schwersten Verbrechen aus "Liebe" geschehen, angeblich zu unserem Besten. Bekannt ist der verdichtete Wahnsinn: "Ich habe dich getoetet, weil ich ohne dich nicht leben kann".
Die Kirche, die die Ehe als Sakrament bezeichnet, verbietet unter anderem den Sex vor der Ehe und bestraft ihn, indem sie "die Vorschriften ueber Unzucht" anwendet, die im Alten und im Neuen Testament stehen und, leider, noch nicht geaendert wurden. Herr Venizelos kam nicht mehr dazu, sich auch darum zu kuemmern; nach der Immunitaet der Abgeordneten stolperte er und fiel auf etwa 12 Prozent, welch Schrecken.
Warum sollten sie auch geaendert werden, wurden sie denn je eingehalten? Je mehr Verbote, desto mehr Suenden, die aus dem Strafregister geloescht, also vergeben werden, durch eintraegliche Bittgebete und teure Oelsalbungen, die die Opfer und das massenhafte Schlachten von Laemmern und Ziegen erfolgreich ersetzt haben. "Die Rettung der Seele ist eine sehr grosse Sache", sagt der Schlager der Zeit.
Wir, die wir den olympischen Wolkensammler, den Schwerenöter Zeus, hervorgebracht haben, der alles "nahm", was sich bewegte, sollen am Neuen Testament haengenbleiben? Zum Glueck stellt die Kirche die "Unzuechtigen" nicht oeffentlich bloss, und vor allem verlangt sie neben den anderen Unterlagen fuer die Ehe keine Bescheinigung ueber die Jungfraeulichkeit der Brautleute. Der Pharisaismus hat die Vermutung der Jungfraeulichkeit eingefuehrt. Niemand weiss schliesslich, was Soutane und Brautkleid darunter verbergen. Wer taeuscht wen? Anders gesagt: Es wird geheiratet, esst und trinkt. Und wehe euch, Unglaeubige, der boese Wolf wird euch fressen, sagt man zur Abschreckung. Denn sicher ist, dass Angst die Verlassenen bewacht.
Waehrend meiner Jugend werde ich den Streit mit einem Freund nicht vergessen, der ein strenger Christ war. Schuld war seine Mutter, die sanftmuetige fromme Frau mit dem bronzenen Weihrauchgefaess, das uns betaeubte wie Bienen, wenn man sie beraeuchert, um ihnen den Honig zu nehmen. Wenn ich ihn fragte, ob Sex vor der Ehe Suende sei, antwortete er bejahend und schalt mich fast. Ich stelle klar, dass das Gespraech rein theoretisch, akademisch war, denn damals hatten wir ohnehin keinen Sex; wir suchten nur "Spuren und nicht den Loewen".
Damit ich ja nicht suendige, was nicht geschehen moege, schlug mir mein Freund mit viel Liebe und Fuersorge vor, mich nachts beim Schlafen mit mehr Kleidern, Decken, Federbetten und dergleichen zuzudecken. Die Waerme wuerde nach seinen Worten eine sexuelle Erleichterung ausloesen. Das hatte er im Katechismusunterricht gelernt. Nur hatten wir damals nicht viele Sachen, um uns zuzudecken, und statt uns zu waermen, froren wir. Am Ende fuehrten alle Wege zur "Chiromantie" und zur "Handarbeit".
In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, wurde die Ehe nach harter Transaktion, nach Feilschen mit Dollarklausel, geschlossen. Aus diesem wirtschaftlichen Grund blieb sie nach verlaesslicher Forschung stabil. Dann kam die Liebe und brachte alles durcheinander. Wer wirklich liebte, wurde enttaeuscht oder wanderte aus. "In diesem Land essen alle, die lieben, schmutziges Brot, und ihre Sehnsuechte folgen unterirdischen Wegen", habe ich bedeutsam singen hoeren.
Die Kontakte, damit die Verschwagerung "sitzt", begannen nach der tatkraeftigen und wesentlichen Vermittlung der Heiratsvermittlerin, die keinem Berufsverband angehoerte und keine Quittungen ausstellte. Gegen Entgelt brachte sie die Familien des kuenftigen Bräutigams und der gluecklichen Braut in Verbindung. Vergessen wir nicht, dass die Maedchen damals schwerluetig "Wechsel" genannt wurden, Verpflichtung und Last, wegen der belastenden Ursache der Mitgift.
Meistens wurde ohne Zustimmung der "Vertragsparteien" ein Treffen in einem verwandtschaftlichen Haus bestimmt, das allgemein akzeptiert war, also auf neutralem Spielfeld.
Dorthin gingen bevollmaechtigte Vertreter der interessierten Familien, meist die Eltern und Onkel der "Kinder". Bei der Ankunft, in Spazierkleidung, wurden den Maennern Kaffee, Ouzo oder Cognac angeboten, den Frauen Loukoumi oder Loeffelsuessigkeit.
Das Feilschen begann im Licht der Petroleumlampe mit dem trueben Glas, an das man eine Haarnadel hing, damit es nicht zerbrach. Wunsch aller war, dass die asiatischen Boersen nach oben eroeffneten. Strukturierte Anleihen und Boersenmakler sollten sich schaemen. Bei etwaigen Differenzen in der Bewertung des Mitgiftvermoegens wandten sich die Beteiligten an oertliche Erfahrungs-Schaetzer, deren Zuverlaessigkeit allerdings zweifelhaft war.
Die Verhandlungen endeten nicht immer gluecklich. Historisch geblieben ist der Satz, den der Vater des kuenftigen Braeutigams beim Verlassen des Treffens hinwarf: "Vierzigtausend Drachmen, damals war die Drachme eine harte Waehrung, und auf den Tisch, oder gute Nacht." Liebe ohne Trotz schmeckt nicht. Die "oeffentliche Meinung" und die "Medien" jener Zeit, also die Klatschbasen, warteten nicht auf weissen Rauch; ihnen reichten die Salven, die fielen, wenn die Parteien schliesslich einander die Hand gaben, lies: rechtsgeschaeftliches Zusammentreffen der Willenserklaerungen.
Die Verschwagerung von dem einen und der anderen ist offengelegt worden, sagte man in der Gasse und in den Kaffeehaeusern, und der Klatsch bluehte. Dauernde Frage war die Hoehe der Mitgift. Bekam die Braut Zusatzmitgift? Gab er ihr auch das Maultier? Sie hat alles bekommen, sie hat ihrer Schwester nichts gelassen, die Schurkin. Die Ueberlegenheit des wirtschaftlichen Zwecks der Ehe ist offensichtlich und grundlegend.
Wenn der kuenftige Braeutigam in einem anderen Dorf lebte, war es sehr wahrscheinlich, dass die kuenftige Braut ihn nicht kannte. Man vermittelte ihr also einen Unbekannten. Wir sprechen von einem ad hoc Fall "Schwein im Sack". Face book und e-mail kamen etwas spaeter. Ehen zwischen Personen aus verschiedenen Gemeinden konnten nicht warten; die "Liebe" zwischen Unbekannten draengte. Die Reality Shows verspaeteten sich ein wenig. Liebe, im Kampf unbesiegt, die du den Magen leer laesst.
Die Schwester meines Vaters, im weltlichen Sprachgebrauch meine Tante, bekam einen Mann aus dem Nachbardorf, den sie zufaellig nicht kannte. Ihr Bruder ging mit Vollmacht seiner Mutter, mit beglaubigter Echtheit, denn ihr Vater war Migrant in den USA, und "schloss das Geschaeft". So viele Olivenbaeume, so viele Oka Oel, ein Maultier und so viele Ellen groben Stoff fuer unsterbliche Unterhosen und Unterkleider. Eine Termineinlage mit variablem Zinssatz war damals ein voller Oelkrug, "null Saeure, diesjaehrige Ernte".
Als der Braeutigam und die Hochzeitsgesellschaft sich dem Haus der Braut naeherten, die einen zu Fuss, die anderen auf Eseln und Maultieren, auf deren Ruecken bunte Decken lagen, sagte meine Tante zu ihren Freundinnen, die ihr den Blick versperrten, waehrend auch sie aus den Fenstern des Hauses den Hochzeitszug beobachteten: "Rueckt mal weg, Maedels, damit ich sehe, wer es ist." Sie meinte natuerlich den Braeutigam, mit dem sie, nebenbei gesagt, "schmerzlos und friedlich und mit guter Rechenschaft" bis zu ihrem Tod lebte.
Stoert es, dass er sich ein wenig als Zeuge Jehovas und ein wenig als "tauber Starrkopf" erwies, also mit wirklichen Maengeln? "Nach Entfernung von der Kasse werden keine Fehler anerkannt."
Meine unerschrockene Tante schaffte es jedoch, ihre Rechte vollstaendig zu sichern, etwa jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und Ikonen an ausgewaehlten Stellen des Hauses zu behalten, ausser in der Kueche. Kaempferisch, wie sie war, zwang sie ihrem antichristlichen Ehemann, wie sie ihn wegen seiner Schwerhoerigkeit "liebevoll" nannte, auf, die Schriften zu studieren, also die Zeitschriften Wachtturm und Erwachet, und den Armageddon zu erwarten, der mit dem Linienschiff an einem vorbestimmten Ort und zu einer vorbestimmten Zeit kommen sollte, sagen wir im Gaestezimmer des Hauses. Die Scharfsinnigkeit dieser Menschen, der Zeugen Jehovas, ist erstaunlich. Ich habe sie immer fuer ihre Einfalt "bewundert", auch wenn ich sie nicht verstehen konnte. Wie sollte ich sie auch verstehen, da sie seit ihrer Geburt fliessend die Sprache der Fische sprechen.
Ausserdem hatte sie ihm den Proselytismus ausdruecklich verboten. Bekanntlich ist Proselytismus fuer Zeugen Jehovas wie Heroin fuer Drogenabhaengige. Und hat das Leben uebrigens einen Sinn ohne eine morgendlich ganz frische Ausgabe des "Rizospastis" mit seiner unaufhoerlichen Volksschmeichelei?
Bemerkenswert ist, dass er so geblendet war, dass er imstande war, selbst Voruebergehenden das Wort Jehovas vorzulesen. Wir sprechen von einer harmonischen, gelungenen Ehe: Sie sprach, er hoerte sie nicht, aus pathologischem Grund, weil er nur die Stimme Jehovas hoerte, aus religioesem Grund, anders gesagt Fanatismus, und wir lebten gut.
Damals gab es keine Scheidungen, und niemand sprach von Verlassen der ehelichen Wohnung. "Das Hemd, ob lang oder kurz, wirst du abtragen", sagten die Dorfgelehrten jener Zeit, indem sie die Traditionen streng auslegten und befolgten. Mit dem Wort "Hemd" meinten sie natuerlich den Mann oder die Frau, je nachdem, wer nach den Massstaeben der Zeit als mangelhaft hervorging.
Der einzige Fall der Rueckabwicklung eines Verkaufs und der Rueckgabe der Sache, also der Braut, wegen eines wirklichen Mangels betraf die Frau, wenn nachgewiesen wurde, dass sie nicht Jungfrau war, also "beruehrt" war, nach Gewohnheitsrecht.
Ein Fall eines unfaehigen Mannes ist nicht ueberliefert. Das haette uns gerade noch gefehlt. Wir leben schliesslich fuer unseren Ruf.
Das Gutachten fuehrte die Schwiegermutter der Braut durch, die auch den entsprechenden Bericht "verfasste". Konkret betrat am Tag nach der ersten Hochzeitsnacht, nach dem Aufstehen des Paares, die Schwiegermutter, also die Mutter des Braeutigams, foermlich und nach Brauch das Brautgemach und untersuchte nach Gewohnheit gruendlich das weisse Laken des Hochzeitsbetts. Zweck der Untersuchung war die Feststellung der Ehre der Braut, die nach dem rechtmaessigen Zerreissen des Jungfernhaeutchens durch ihren Herrn und Gebieter plastisch mit Blut auf dem weissen Laken erscheinen sollte. Und "wie ein makelloses Lamm wurdest du zur Schlachtung gefuehrt". Was denn, sollte sie ihren Sohn, ihren Liebling, ungeschuetzt und Gottes Gnade ueberlassen, damit er womöglich eine Hure heiratet? Welchen Wert hat das Leben ohne reine Stirn?
Nach dem damaligen ungeschriebenen Kodex der Zivilprozessordnung war es der Braut untersagt, Einwendungen zu erheben oder einen technischen Berater zu bestellen.
Bei etwaiger Meinungsverschiedenheit bildete das Laken ein Aktenstueck. Es gab Faelle, die ins Archiv gingen, weil nicht bewiesen oder glaubhaft gemacht wurde, dass das streitige Laken mit dem Blut eines geschlachteten Hahns geroetet worden war, wie die Megäre, die Mutter des Braeutigams, unwahr behauptet hatte.
Mit der Entwicklung der Chirurgie wurden die Haehne gerettet, und wir gelangten zur Hymenrekonstruktion; und wir lebten gut und die Jungfrauen Somalias besser.
Heute beobachtet man gegenueber damals eine "kaum merkliche" Differenzierung. Je mehr Beziehungen die ansonsten begehrte, aber "beruehrte" Braut in ihrem Lebenslauf angibt, desto erfahrener und geeigneter gilt sie fuer die Ehe. Zur Erleichterung der Transaktionen hat sich auch das Wort "Scheinjungfrau" eingebürgert, um die unerfahrene, sexuell zurueckgebliebene Frau zu bezeichnen, die potenzielle alte Jungfer, milder gesagt das spaete Maedchen. Wir haben also einen Fall vollstaendiger Umkehr.
Die Jungfraeulichkeit wurde vom Lob zum Tadel. Siehst du, der Feminismus, grosse Dinge. Andererseits frage ich mich noch heute, ist es nicht sehr barbarisch, einen unschuldigen Vogel, einen Hahn, zu schlachten, damit eine Ehe gerettet wird?
Die Hochzeitsfeiern waren einzigartig und unwiederholbar. Die Ehe war ein ernstes gesellschaftliches Ereignis, und fast das ganze Dorf nahm daran teil, da mehr oder weniger alle miteinander verwandt waren.
Noch immer klingen mir die Lieder in den Ohren, die die Frauen sangen, die die Braut begleiteten: "kleiner Orangenbaum, voller Blueten, wo sind deine Blueten"; "holen wir die Lehrerin, bringen wir sie zu den Inseln"; "zwei Sonnen, zwei Monde sind heute aufgegangen, der eine auf deinem Gesicht, der andere in den Wolken" und viele andere, waehrend sich die Braut ihrem freiwilligen Leiden naeherte, also ihrer gesellschaftlichen Vollendung. Sie wuerde nicht mehr Maria, Anna, Sofia heissen, sondern Giorgaina, Kostaina, Mitsaina, und die ganze Freude waere ihre, und fuer die anderen nichts.
Als ich aelter wurde, erfuhr ich aus "zuverlaessiger Quelle", dass es Ehen gab, die aus Liebe geschlossen wurden, und begann zu ahnen, zu suchen und zu lesen. In der griechischen und auslaendischen Literatur fand ich Liebesgeschichten, die mich erschuetterten. Viel spaeter sah ich diese Liebesgeschichten in Verfilmungen.
In der Praxis fiel es mir schwer, Vergleichsdaten zu finden. Ich muss gestehen, dass ich Paare kennenlernte, die mir sagten, sie haetten aus Liebe geheiratet. Im weiteren Verlauf stellten sie jedoch fest, dass die Liebe zwischen Wochenmarkt, Supermarkt, sauberem Haus und protokollarischen Besuchen bei allen moeglichen Onkeln und sonstigen Verwandten verbrannte und verdampfte.
Eine zersetzende Rolle spielten auch die Essen mit den Erzeugern als Gaesten, die, statt sich besser kennenzulernen, alles beobachteten, kommentierten und bewerteten, als haetten die Neuvermaehlten einen Antrag auf eine Subvention der EWG gestellt.
Wenn die Liebe wider Erwarten die ersten Pruefungen ueberstand, folgten andere Belastungstests, ein test drive, etwa das Weinen des Babys in der Nacht, das aufhoerte, wenn man es wusch und ihm Windel und Hoeschen wechselte. Das Anlegen der Windel erforderte Aufmerksamkeit. Es wurden Faelle berichtet, in denen ein schlaftrunkener Elternteil die Windel auf das Gesicht des Babys legte. Das Weinen hoerte sofort auf, trotz erhoehten Erstickungsrisikos.
Verbranntes "hausgemachtes" Essen verursacht in der Ehe nicht immer extreme Wetterereignisse. Neben dem rettenden Salat gibt es die "schnellen" Eier, die Souvlaki-Laeden und die Pizzerien, die seit Jahren ein bedeutendes soziales Werk leisten und viele Ehen gerettet haben, denn bekanntlich geht die Liebe durch den Magen, ob man Pizza oder Souvlaki isst. Dazu gibt es reichlich einschlaegige Literatur.
Experimentell ist erwiesen, dass die Ehe nicht in der Kueche zerbricht. Das Finale wird im Bett ausgetragen, ohne Schiedsrichter und Zuschauer. Wichtig ist, den Ball zu spielen, den man beherrscht, und den Gegner ernsthaft einzukalkulieren. Ein Rueckspiel ist nicht vorgesehen.
Die beiden Schwiegermuetter wirken als quasi Schiedsgericht. Sie richten in erster und letzter Instanz "objektiv" und je nach dem falsch verstandenen Interesse ihrer Kinder ueber alle Streitigkeiten, die waehrend ihrer Schicht entstehen. Nach staendiger Rechtsprechung laesst die Liebe auf sich warten, und die Ehe wird taeglich geprueft. Sie stirbt an einer unstillbaren inneren Blutung, verursacht durch egoistische Konflikte und die Unterschaetzung des Details, unter dem schweren Schatten, den das Ungeheuer der Gewohnheit wirft, das alles als moderner Minotaurus frisst. Betrachten wir aber kurz auch die ernste Seite des Themas.
Tatsache ist, dass sich die Dinge seit damals radikal veraendert haben und die Institution der Ehe zahlreiche Brueche erlitten hat. Beispielhaft erwaehne ich die Zunahme der Einelternfamilien und die Anerkennung der Ehe zwischen Personen desselben Geschlechts, die in verschiedenen europaeischen Laendern gilt. Es faellt mir schwer bis unmoeglich, mir zwei homosexuelle Personen vorzustellen, die damals, als ich im Dorf lebte, vor dem Dorfvorsteher erschienen waeren und ihn gebeten haetten, in die Gemeinschaft der Ehe eintreten zu duerfen. Es waere um sie geschehen gewesen.
Das wahrscheinlichste und mildeste Szenario waere gewesen, dass die geordnete Macht, der Vorsteher, der Priester und der Feldhueter, sie in einem Schnellverfahren zur Abschreckung an der Platane des Platzes aufgehaengt haetten. Die Ausweisung und Sterilisierung ihrer Verwandten als Nebenstrafe waere nicht nur nicht auszuschliessen, sondern von der ueberwaeltigenden Mehrheit der Dorfbewohner breit akzeptiert worden. Kreuzige sie.
Seitens der Kirche waeren Prozessionen und Oelsalbungen an allen vier Punkten des Dorfes vorgenommen worden, und zwar in den Richtungen, die die vier Enden des Ehrwuerdigen Kreuzes anzeigen. Gott moege sich unser erbarmen und uns vor dem Uebel retten, das uns getroffen hat, haette der erschuetterte Priester schluchzend gesungen und vor allen wiederholt: "Ich widersage dem dreimal verfluchten Satan." Was fuer ein Uebel ist ueber uns gekommen. Wie gut ging es uns. Welche Suende haben wir begangen? Und weiter Bittgebete morgens, mittags, abends, nach dem offiziellen Rezeptbuch, das die heiligen Vaeter vorgesehen und verfasst hatten, die dieses Thema aus dem Effeff beherrschten, mit dem Ziel, das Greuel auszutreiben. Wir spielen nicht. Allen Bannfluechen, Hirtenregeln und Anathemen zum Trotz befinden wir uns sehr nahe bei Tilos. Gute Reise und ein blumenbestreutes Leben. Die staendige Heilige Synode werfe den ersten Stein.
Vergessen wir nicht, dass auch die Christen ihre Laufbahn als Verfolgte begannen und, nachdem sie die Heiden und Götzendiener und mit ihnen unsere antike griechische Kultur beseitigt hatten, uns ins Mittelalter fuehrten. Und wir gelangten zu Galileo Galilei, der nie wagte, den ihm zugeschriebenen Satz "und sie bewegt sich doch" auszusprechen, denn die Tiere der ansonsten sympathischen, aber blutduerstigen Heiligen Inquisition haetten ihn verschlungen; wenn es leicht nieselte, zuendete sie hier und da ein Feuer, einen Scheiterhaufen, an, einfach um ihre Haende zu waermen. Herr, setze eine Wache vor meinen Mund.
(Fortsetzung folgt)
Anlass, diesen Text zu schreiben, gaben mir die Fragen einer Freundin.
Comments
Share your thoughts about this article.
No comments yet. Be the first to comment.
Submit a comment