Archivvermerk: Der Text stammt aus dem alten Archiv von Nomika Epilekta und wird mit Sorgfalt für eine historische und informative Lektüre bewahrt.

Das moderne Griechenland verewigt nicht nur die osmanischen Grundsätze der Regierung, der „Organisation“ und der osmanischen Kultur im Allgemeinen, sondern hat international sogar mehr als die Türkei zur Verbreitung dieser Kultur beigetragen. Moussaka, Tzatziki, Dolmades und Bouzouki wurden weltweit nicht durch die Türken bekannt, sondern durch die Griechen, vor allem durch die griechischen Restaurants, die Auswanderer in Westeuropa, Amerika, Kanada, Australien und anderswo eröffneten.

Für den inneren Verbrauch von Ideen dominiert bei uns freilich die Auffassung, dass der Amanes, die nasalen Kirchengesänge, der Karsilamas und Karagiozis alles Griechische seien, das die Orientalen von uns übernommen hätten. Unter uns mag das vielleicht durchgehen; wenn man es aber einem Nordeuropäer sagt, wird er sich sicher wundern.

Interessant ist, dass die Türkei heute nach Westen blickt und sich modernisiert, während wir nach Osten schauen und einen wütenden Widerstand gegen Fortschritt leisten. Das Wort „fortschrittlich“ ist zu einer Wiederholung geworden, die lediglich zeigt, welchem politischen Lager man angehört. Die Türkei hatte beispielsweise drei Versicherungskassen, die Erdogan zu einer einzigen zusammenlegte. Wir hatten, bitte sehr, 134 solcher Bürokratien, und als die Regierung versuchte, sie nicht zu einer, sondern zu etwa zehn zusammenzufassen, erhob sich das gesamte Universum, und beinahe wurde Athen niedergebrannt.

Man könnte natürlich einwenden, dass bei 134 Versicherungskassen mehr Wettbewerb und vermutlich bessere Dienstleistungsqualität bestehe. Von wegen. Hat jemand so etwas gesehen? Der einzige Wettbewerb besteht darin, welche Kasse bürokratischer ist, sodass man mit seinem Rezept in die Apotheke geht und ernste, schwer lösbare Fragen entstehen, etwa ob das Versicherungsheft abgestempelt war und ob der Stempel dreieckig oder viereckig war.

Was sowohl Ausländer als auch Griechen im Ausland überrascht, ist, wie furchtbar die Bürokratie Griechenlands ist, mit der man bereits in Konsulaten und Botschaften konfrontiert wird. Dieser überbürokratische Geist ist so albtraumhaft und so unbegreiflich, zumal er ständig zunimmt statt abzunehmen, dass es sich lohnen würde, ein eigenes Buch über das unglaubliche Ausmaß menschlicher Dummheit zu schreiben. Dieser Geist konzentriert sich nicht nur auf Papiere und Stempel, die als wichtiger gelten als alles andere im Leben, vielleicht außer Fußball, sondern ist eine ganze byzantinisch-osmanische Mentalität, die lebendig in ihrer ganzen Pracht vor einem erscheint und jede Vernunft und jeden natürlichen Instinkt durcheinanderbringt.

Man ist zum Beispiel in Skopje und geht für eine Beglaubigung eines Dokuments zum Konsulat. Warum braucht es eigentlich so viele Beglaubigungen? Es ist das Jahr 2003, und Griechenland hat seit Anfang 2002 bereits den Euro als offizielle Währung. Man wird im bekannten Geist strenger Zeremonie empfangen, mit den widerwilligen knappen Antworten und dem bekannten finsteren Auftreten, und am Ende wird man aufgefordert, für die Beglaubigung zu zahlen. Dann kommt die Überraschung des Lebens: Es werden nur US-Dollar angenommen (!!!), und zwar muss man den genauen Betrag haben, denn Wechselgeld wird nicht gegeben, während in Skopje alle, sogar Lebensmittelhändler, den Euro akzeptieren, die offizielle Währung Griechenlands.

Ein örtlicher Kaffeehausbetreiber gegenüber der Botschaft verstand, dass diese Verkrampfung eine Gelegenheit war, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Also brachte er groß und breit ein Schild an, wonach er jede vorhandene Währung in Dollar wechselt, sogar genau in dem vom Konsulat verlangten Betrag, natürlich gegen eine gute Vergütung.

Dieses Beispiel zeigt unter anderem die Funktion, die die Bürokratie erfüllt: Sie schafft und erhält parasitäre Tätigkeiten. In Griechenland haben wir ganze Heerscharen parasitärer Berufe, etwa Zollabfertiger, die nur und allein dank der Bürokratie existieren.

Sicherlich lag der Grund dafür, dass das Konsulat Dollar als einzige rechtmäßige Währung für seine Transaktionen betrachtete, darin, dass es den entsprechenden Rundbrief aus Athen noch nicht erhalten hatte. Aber weshalb braucht man überhaupt einen besonderen Rundbrief, um die offizielle und gesetzliche Währung des Landes anzunehmen? Welche Logik ist das, etwa von einem anderen Planeten? Man stelle sich natürlich das lächerliche Bild unseres Landes vor, das dieses Konsulat vermittelt. Der einzige Trost ist vielleicht, dass auch die Behörden in Skopje bei solchen bürokratischen Dummheiten keineswegs zurückstehen, sodass sie vielleicht Verständnis zeigen.

Nebenbei rühmen sich die Regierungen in Griechenland in letzter Zeit des Erfolgs der KEP, obwohl auch diese beginnen, ebenso sperrig zu werden wie alle anderen Behörden; dennoch helfen sie bei einigen Dingen gewiss. Vergessen wird aber, dass schon die Notwendigkeit der Existenz der KEP zeigt, wie unannehmbar die griechische Bürokratie ist, wenn es eines besonderen Dienstes bedarf, der einem hilft, mit ihr fertigzuwerden.

Dienste dieser Art, wie die KEP, wurden von den Vereinten Nationen in Ländern wie Kambodscha eingeführt, um armen und analphabetischen Bevölkerungen zu helfen, mit den unbeschreiblichen drittweltartigen Bürokratien ihrer Länder zurechtzukommen. Dass solche Dienste auch in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union benötigt werden, ist gleichsam eine amtliche Bescheinigung eines krachenden Scheiterns.

Und damit wir nicht alles dem Staat und den Politikern zuschieben: Alle sind am Phänomen der Bürokratie in Griechenland mitschuldig. Die Betrachtung der Wirklichkeit durch Papiere und Stempel und nicht durch die fünf Sinne, die uns die Natur gegeben hat, ist inzwischen in die Gene des Neugriechen eingegangen. In Griechenland ist man nicht groß oder klein, weil man tatsächlich groß oder klein ist, sondern weil man ein Papier hat, Achtung: abgestempelt, das es bescheinigt. Dein Kopf mag die Form eines Betonblocks oder eines Kürbisses haben; wenn aber dein Personalausweis sagt, er sei eiförmig, dann ist er eiförmig. Im besten Fall sprechen wir von einer Rechtsfiktion. Im schlimmsten Fall von künstlicher Schizophrenie, bei der die fünf Sinne außer Kraft gesetzt werden.

Wenn Kafka in Griechenland gelebt und die griechische Bürokratie gesehen hätte, hätte er sicher weit mehr Meisterwerke geschrieben als jene, die er uns bereits geschenkt hat. Denn in Griechenland zeigen sowohl die Art als auch das Ausmaß des Problems eine Gesellschaft wie ein Theater des Absurden, mit einem bürokratischen System, das darauf ausgelegt ist, alles zu bremsen und zu behindern, insbesondere jede unternehmerische oder entwicklungspolitische Anstrengung. Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass das größte Problem der heutigen griechischen Gesellschaft die Bürokratie ist, die inzwischen zu einer Lebensweise geworden ist, zu einem modus vivendi, zu einem Lifestyle, mit eigener Logik und eigenen Codes.

Diese bürokratische Kultur weist folgende Merkmale auf, auf keines davon sollten wir besonders stolz sein:

ERSTENS werden für alles schriftliche Bescheinigungen verlangt, sogar für das Selbstverständlichste. Wer Rechtswissenschaft studiert hat, lernte, dass man in einem Prozess weder das Selbstverständliche noch das allgemein Bekannte beweisen muss. Für die griechische Bürokratie muss man jedoch jederzeit beweisen, dass man kein Elefant ist.

ZWEITENS die Beglaubigungen von allem und die Stempelsucht. Für Beglaubigungen verwenden wir etwa die Polizei. Statt sie in Ruhe ihre eigentliche Aufgabe ungehindert erfüllen zu lassen, belasten wir sie mit völlig überflüssigen Beglaubigungen von Papieren. Was die Stempel betrifft, ist die Beharrlichkeit auf ihnen unerklärlich, denn nichts ist so leicht zu fälschen wie ein Stempel.

DRITTENS sind Papiere, Stempel und all diese Werkzeuge des Bürokraten in das Unterbewusstsein des Griechen als heilige Dinge mit nahezu metaphysischem Wert eingegangen. Besonders das Wort „Papiere“ hat in den Ohren des Neugriechen einen sehr bedeutenden Klang, der für diese Dinge fast kirchliches Vokabular verwendet: Er „legt“ die Unterlagen „vor“, er „reicht“ den Antrag „ein“ und so weiter. Selbst Unternehmer, die logischerweise gegen die Bürokratie sein müssten, zeigen ein unerklärliches Bedürfnis, in ihrem Geschäft eine Menge Bescheinigungen mit Stempeln und Siegeln aufzuhängen, gleichsam als Talisman oder wenigstens als Dekoration. Ich glaube letztlich, wenn das System geändert würde und man sein Geschäft ohne Genehmigungen und Papiere eröffnen könnte, würden diese Unternehmer spüren, dass etwas fehlt.

VIERTENS ist die Bürokratie nicht nur eine Frage vieler Papiere, sondern auch einer Behandlung, die zwischen Sadismus und Menschenfeindlichkeit schwankt. Manchmal gelingt es dem Staat, die Dinge hinsichtlich der Papiere zu vereinfachen. Als ich zum Beispiel zuletzt eine Geburtsurkunde ausstellen ließ, ging ich zum Rathaus, und der Beamte druckte sie sofort am Computer aus, ohne Anträge, Formalitäten und weitere Verfahren. Ich würde sagen: schneller und einfacher sogar als in Schweden. Doch während der wenigen Minuten der Transaktion sprach der Beamte weder mit mir, grüßte mich nicht, sah mich nicht an und bat mich nicht, Platz zu nehmen. Er hatte sogar die gute Idee, selbst in das Büro des Vorgesetzten zu gehen, damit dieser die Urkunde unterschreibt, informierte mich darüber aber nicht. Kurz gesagt: Er zeigte offen, dass ihn meine Anwesenheit störte. Als ich ihn am Ende etwas fragte, antwortete er knapp, er sei sehr beschäftigt. Bemerkenswert ist, dass er die ganze Zeit mit dem Kollegen neben ihm über private, völlig arbeitsfremde Themen sprach.

FÜNFTENS kommunizieren weder die Dienste untereinander noch die verschiedenen Abteilungen desselben Dienstes miteinander. Um aus dem Krankenhaus entlassen zu werden, muss man selbst mehrere Male durch das Gebäude laufen, bis man die erforderlichen Stempel und Unterschriften gesammelt hat.

SECHSTENS scheint die griechische Bürokratie am Wesen der Dinge, an der realen Wirklichkeit, nicht interessiert zu sein und alles durch Papiere und Stempel zu sehen. Um etwa eine Müllumschlagstation einzurichten, muss eine Studie erstellt werden. Was diese Studie sagt und welche Qualität sie hat, interessiert kaum. Wichtig ist, dass sie eingereicht, gestempelt, beschnuppert und „amtlich gemacht“ wird.

Mit diesen Merkmalen verursacht die griechische Bürokratie enorme Kosten für die Volkswirtschaft, behindert jede Art schöpferischer Tätigkeit und begünstigt Korruption und Betrug. Die Bürokraten selbst behaupten, die Sperrigkeit ihrer Verfahren sei erforderlich, um Betrug vorzubeugen. Genau das Gegenteil geschieht. Betrüger lieben Papiere und Stempel, weil sie diese leicht herstellen und sich nicht mit der Sache selbst befassen müssen. In der schwedischen Bürokratie beispielsweise, die auf das Wesen der Dinge abstellt, sind für eine Aufenthaltserlaubnis des Ehepartners keine Papiere erforderlich, nicht einmal eine Heiratsurkunde. Es werden schlicht getrennte Interviews mit den beiden Ehegatten geführt, mit Fragen, die klären sollen, ob sie tatsächlich ein Paar sind und zusammenleben. Ist das Ergebnis positiv, wird die Aufenthaltserlaubnis erteilt. In Griechenland kann jeder Ausländer relativ leicht eine Scheinehe schließen und die Urkunde „vorlegen“, um seine Lage zu ordnen. No questions asked.

Nehmen wir ein weiteres aufschlussreiches Beispiel: die Gründung einer Gesellschaft. In Schweden kann man eine Aktiengesellschaft gründen, indem man ein zweiseitiges Formular ausfüllt, ohne weitere Papiere, abgesehen von einem einzigen: einem Banknachweis, dass das angegebene Kapital auf einem gesperrten Konto vorhanden ist. In Griechenland bedeutet die Gründung einer A.E. oder auch einer E.P.E. Monate über Monate der Papierkartografie mit Rechtsanwälten, Notaren, Regierungsanzeigern usw. Am Ende schreibt der Notar, das Kapital sei vor ihm angeblich gezählt worden, und so werden zahlreiche Gesellschaften eröffnet, ohne das Kapital zu besitzen, das sie angeben. Mit anderen Worten beginnen diese Gesellschaften ihre Tätigkeit auf eine Weise, die zur Gläubigerbenachteiligung führt. Nicht viele Papiere und komplizierte Verfahren verhindern also Betrug, sondern kluge Papiere und kluge Verfahren; und genau dort haben wir ein Defizit.

Hat aber jemand je einen Protestzug oder eine Demonstration gegen die Bürokratie gesehen? Sie werden auch keinen sehen. Denn es gibt fast keine griechische Familie, die ihre wirtschaftliche Stabilität und auch das Scheingefühl, Macht auszuüben, nicht aus der Bürokratie bezieht, in der mindestens eines ihrer Mitglieder beschäftigt ist, wenn nicht mehrere. Eine Revolution gegen die Bürokratie würde daher eine Revolution gegen uns selbst bedeuten, und das werden wir nicht erleben.

Wir könnten natürlich eine Revolution „von oben“ erleben, wenn sich jene Regierung findet, oder wenn die Europäische Union oder die Wirtschaftskrise ausreichenden Druck auf uns ausübt, die sich mit der Abschaffung der Bürokratie befasst. So etwas haben wir bis heute nicht gesehen. Wir sahen nur spontane Fernsehankündigungen über die Vereinfachung dieses oder jenes Verfahrens. Das Thema erfordert jedoch eine systematische Untersuchung aller Verfahren und ein sehr fest gefügtes Programm. Es genügt nicht, die Eintragung von Gesellschaften zu vereinfachen. Man muss auch den Alltag der Gesellschaften und ihre Auflösung vereinfachen. So wie das System heute ist, könnte man es nur mit dem Ausdruck beschreiben: „Bloß nicht hineingeraten“.